Mit weniger Aufwand mehr erreichen
Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte empfinden den Einstieg in digitale Workflows als komplex oder sogar abschreckend. Für Michaela Sehnert war er hingegen eine ganz natürliche Entwicklung, getragen von Neugier, dem Wunsch nach Unabhängigkeit und dem Anspruch, smarter statt härter zu arbeiten. Mit einem klaren Fokus auf Team-Empowerment und den Einsatz digitaler Technologien hat sie eine erfolgreiche, moderne Praxis aufgebaut und gehört heute als exocad Hero of Digital Dentistry und Rednerin bei exocad Insights zu den prägenden Stimmen der digitalen Zahnheilkunde. Ihr Ansatz verbindet technologische Innovation mit persönlichen Einblicken in Führung, Familie und Wachstum. In diesem exoBlog erzählt Michaela Sehnert, wie für sie alles begann, wie die digitale Zahnheilkunde ihre Praxis verändert hat und warum aus ihrer Sicht die Zukunft denen gehört, die stets bereit sind, sich weiterzuentwickeln.
Q: Wie sind Sie zur Zahnheilkunde gekommen? Was hat Sie dazu inspiriert?
A: Ich wusste schon immer, dass ich mit Menschen arbeiten möchte. Schon als Kind habe ich gerne anderen geholfen. Wenn sich jemand zu Hause verletzt hat, wollte ich mich kümmern. Während eines Praktikums in einer großen Klinik fand ich es total spannend, so viele unterschiedliche Fälle zu sehen. Gleichzeitig ist mir aber auch aufgefallen, wie hierarchisch alles organisiert war. Entscheidungen haben lange gedauert und mir war klar, dass ich in so einem System nicht arbeiten möchte.
Ich habe mir zunächst die Humanmedizin angeschaut, bin dann aber auf die Zahnheilkunde gestoßen. Mein Großvater hat mit Holz gearbeitet und ich habe als Kind viel Zeit mit ihm verbracht. Er hat mir immer gesagt, dass ich handwerklich geschickt bin. Das ist bei mir hängen geblieben. Die Zahnheilkunde war für mich dann die perfekte Kombination: mit Menschen arbeiten und gleichzeitig handwerklich tätig sein. Darüber hinaus bot sich mir die Möglichkeit, etwas Eigenes aufzubauen.
Q: Sie haben relativ früh Ihre eigene Praxis gegründet. Was hat Sie dazu motiviert?
A: Nach dem Studium arbeitet man in Deutschland zunächst zwei Jahre als angestellter Zahnarzt. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt, bin aber immer wieder über eine Sache gestolpert: Wenn ich etwas verändern wollte, musste ich erst nach Erlaubnis dafür fragen. Mir wurde klar, dass ich schneller Entscheidungen treffen und mein Potenzial voll ausschöpfen wollte. Gegen Ende dieser zwei Jahre habe ich eine Praxis in der Nähe gefunden, deren Inhaber in Ruhestand ging. Ich habe sofort das Potenzial gesehen. Ein Teil des bestehenden Teams wollte ebenfalls einen Neuanfang und ist in der Praxis geblieben. Alles ging dann sehr schnell.
2016 habe ich meine Praxis eröffnet, komplett renoviert, und ich begann direkt mit der Digitalisierung. Wir haben mit drei Behandlungsstühlen klein angefangen, aber wir hatten eine klare Vision.
„Wir haben Scanner und Visualisierungstools eingeführt, nicht nur für die Patienten, sondern auch für das Team. Plötzlich konnten Dentalhygieniker Probleme klar erkennen und verständlich erklären. Das hat alles verändert.“
Q: Welchen Rat geben Sie Zahnärzten, die ihr Team an digitale Workflows heranführen wollen?
A: Traditionelle Zahnheilkunde ist sehr hierarchisch organisiert: Der Zahnarzt entscheidet, alle anderen folgen. Das wollte ich nicht. Mein Team hatte bereits viel Wissen und Erfahrung. Die Frage war: Wie schaffen wir es, dass sie eigenständig Entscheidungen treffen können? Wir haben Scanner und Visualisierungstools eingeführt, nicht nur für die Patienten, sondern auch für das Team. Plötzlich konnten Dentalhygieniker Probleme klar erkennen und verständlich erklären. Das hat alles verändert. Das Team wurde selbstbewusster, proaktiver, und ich konnte viel mehr delegieren. Am Ende hat sich der komplette Workflow in der gesamten Patientenversorgung verbessert. Und ich habe weniger Zeit am Behandlungsstuhl verbracht und trotzdem bessere Ergebnisse erzielt.
Q: Ab welchem Zeitpunkt wurde die digitale Zahnheilkunde zentral in Ihrer Praxis?
A: Etwa ab 2020, mitten in der COVID-Pandemie, haben wir intensiver mit digitalen Workflows gearbeitet, unter anderem mit exocad Software. Chairside-Lösungen kannten wir schon vorher, aber die Technologie war nicht immer zuverlässig. Als wir komplexere Fälle behandeln wollten, sprich umfangreichere Restaurationen und komplette Workflows, brauchten wir bessere Tools. Das war der Punkt, an dem wir die Umstellung konsequent umgesetzt haben.
Q: Gibt es Tools oder Workflows, die besonders herausstechen?
A: Die KI-Kronen-Funktion in DentalCAD 3.3 Chemnitz ist ein absoluter Gamechanger. Wir waren vorher schon schnell, aber damit ist alles noch effizienter und lässt sich deutlich besser delegieren. Auch das Smile Creator Module hat uns viel Sicherheit gegeben, vor allem bei Frontzahn-Fällen. Was früher kompliziert war – das Matching von Fotos und Scans – ist heute ganz einfach. Dadurch konnten wir mehr Arbeit in der Praxis erledigen und uns auf unsere Ergebnisse verlassen.
„Zahnärzte verlieren oft Zeit […] damit, Probleme zu beheben, statt effizient zu arbeiten. Das kostet Zeit und Geld. Mit digitalen Workflows haben wir die Behandlungszeit reduziert, die Qualität verbessert und die Zufriedenheit von Patienten und Team erhöht.“
Q: Ihr Vortrag bei Insights 2026 heißt „Weniger Zeit, weniger Ausschuss, mehr Lächeln“. Was ist die zentrale Botschaft?
A: Zahnärzte verlieren oft genau dort Zeit, wo es am wichtigsten ist: am Behandlungsstuhl. Wir verbringen Zeit damit, Probleme zu beheben, statt effizient zu arbeiten. Das kostet Zeit und Geld. Mit digitalen Workflows haben wir die Behandlungszeit reduziert, die Qualität verbessert und die Zufriedenheit von Patienten und Team erhöht. Trotz einer gewissen Lernkurve stellt sich der Nutzen schnell ein.
Michaela Sehnert erzählt mehr über ihren Vortrag auf Insights 2026 zu digitalen Workflows.
Q: Sie führen zwei Praxen und haben eine Familie. Wie gelingt Ihnen die Work-Life-Balance?
A: Ich reflektiere regelmäßig, was ich verbessern kann. Als ich meine Karriere startete, waren meine beiden Kinder noch klein, da war Effizienz schlicht ein Muss. Heute arbeite ich drei Tage pro Woche in der Praxis. Die anderen Tage nutze ich für Planung, persönliche Weiterentwicklung und Zeit mit meiner Familie. Interessanterweise hat sich die Praxis besser entwickelt, seit ich weniger vor Ort arbeite. Auch mein Team arbeitet inzwischen weniger Tage, dafür mit mehr Fokus und Energie. Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern smarter.
„Führung hat nichts mit Geschlecht zu tun. Ich habe mich nie als ‚weibliche Führungskraft‘ gesehen, sondern einfach als jemand, der Verantwortung für ein Team trägt. Wenn etwas schiefläuft, liegt das nicht am Geschlecht, sondern daran, dass etwas im Management verbessert werden muss.“
Q: Sie sind auch Podiumsteilnehmerin beim „Women in Dentistry“-Lunch auf exocad Insights. Welche Botschaft möchten Sie teilen?
A: Zwei Dinge: Balance und Führung. Man muss nicht immer überall gleichzeitig sein. Es geht um Qualität, nicht Quantität – egal ob bei der Arbeit oder zu Hause. Und Führung hat nichts mit Geschlecht zu tun. Ich habe mich nie als „weibliche Führungskraft“ gesehen, sondern einfach als jemand, der Verantwortung für ein Team trägt. Wenn etwas schiefläuft, liegt das nicht am Geschlecht, sondern daran, dass etwas im Management verbessert werden muss. Setzen Sie sich keine Grenzen. Seien Sie mutig, treffen Sie Entscheidungen und lernen Sie aus Fehlern.
Q: Wer hat Sie am meisten geprägt?
A: Mein Großvater. Er hat mir beigebracht, mich auf meine Stärken zu konzentrieren, positiv zu bleiben und Hilfe anzunehmen, wenn es nötig ist. Er hat mir gezeigt, dass man nicht alles allein schaffen muss und dass das völlig in Ordnung ist.
Q: Wenn Sie nicht Zahnärztin geworden wären, was hätten Sie stattdessen gemacht?
A: Wahrscheinlich würde ich ein Café betreiben oder als Flugbegleiterin arbeiten. Ich liebe es, mit Menschen in Kontakt zu kommen und ihre Geschichten zu hören.
Q: exocad in einem Wort?
A: Gamechanger.
Q: Ihr abschließender Rat für Zahnärzte, die darüber nachdenken, digitale Workflows zu integrieren?
A: Haben Sie keine Angst davor, ein eigenes Inhouse-Labor aufzubauen. Mit der richtigen Software ist das gut machbar und steigert Effizienz sowie Qualität deutlich. Externe Labore bleiben wichtig, aber die Kombination aus beidem gibt Ihnen deutlich mehr Kontrolle und bessere Ergebnisse.
Michaela Sehnert ist Zahnärztin und Praxisinhaberin in Halle an der Saale. Sie schloss 2013 ihr Studium an der Universität Leipzig als Jahrgangsbeste ab und gründete 2016 ihre erste Praxis gesundesweiss, mit Fokus auf eine ganzheitliche und patientenzentrierte Zahnheilkunde. Ihre Schwerpunkte liegen in der Aligner-Therapie, Implantologie und Prophylaxe – stets mit einem starken Fokus auf digitale Workflows und individuelle Behandlungskonzepte. Sehnert ist gefragte Referentin für Align Technology, das C.L.E.A.R. Institute und Straumann sowie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Alignertherapie (DGiA). 2025 gründete sie die gesundesweiss group GmbH und eröffnete eine zweite Praxis, um moderne Zahnheilkunde weiter voranzutreiben und zugänglich zu machen. Sie ist Mutter von zwei Kindern und steht für eine zukunftsorientierte, patientennahe Zahnheilkunde, die Innovation und Verantwortung vereint. Folgen Sie ihrer Arbeit auf Instagram.

von Caitlan Reeg
Texterin bei exocad
Caitlan Reeg verbringt ihre Tage damit, der Welt von den Innovationen erzählen, die ihre Kollegen entwickeln. Gesundheitsthemen, Technologien und die Art und Weise, wie diese beiden Bereiche ineinandergreifen, um unser Leben zu verbessern, begeistern sie. Früher hat Caitlan als Journalistin bei Dow Jones Newswires in Frankfurt und beim nationalen öffentlichen Radiosender Marketplace in Los Angeles gearbeitet.