Digitale Prothetik: Handwerk trifft Innovation
Caroline Kirkpatrick hat mit 16 Jahren die Schule abgeschlossen und sich seitdem eine beeindruckende Karriere aufgebaut. Alles begann mit dem Polieren von Teilen in einem Labor für Hörgeräte. Heute, 30 Jahre später, leitet sie ihr eigenes digitales Dentallabor. Als Gründerin von OTS Dental Laboratory verbindet sie Patientenversorgung und klinische Tests mit digitaler Innovation. Außerdem teilt sie ihr Wissen regelmäßig in Schulungen für Zahntechniker. Auf exocad Insights 2026 tritt sie als Referentin auf und gibt uns bereits jetzt einen Einblick in ihre zentralen Erkenntnisse.
Q: Wie sind Sie zur Zahntechnik gekommen?
A: Ich fing nach der Schule mit 16 direkt an zu arbeiten. Ein Freund der Familie hatte ein Hörgeräte-Labor, und dort habe ich erstmal Teile poliert und Bestellungen verpackt. Das Labor belieferte auch Dentallabore. Eines Tages begegnete mir die Reparatur einer Prothese und ich dachte: „Wie macht man das denn? Was ist das für ein Beruf?“ Innerhalb von sechs Monaten hatte ich eine Lehrstelle als Zahntechnikerin.
Q: Wann haben Sie begonnen, digital zu arbeiten?
A: Schon recht früh, als mein Labor noch einen kieferorthopädischen Schwerpunkt hatte, allerdings mit einer anderen CAD-Software. Ich wollte ein digitales System, mit dem ich mein Labor digital ausrichten, aber immer noch Kronen, Brücken und Prothetik fertigen konnte. Am Anfang konnte ich zwar designen, aber die Herstellung war zu teuer. Vor etwa zwei Jahren bin ich dann komplett auf die exocad Software umgestiegen, nachdem ich sie in den Dentallabors von Kollegen gesehen hatte. Was mich geflasht hat: in der exocad Software bleiben alle Informationen sauber in einem Fall. Für meine Arbeitsweise ist diese geordnete Struktur Gold wert.
„Ich bin immer noch begeistert, dass ich in der Praxis scannen, in DentalCAD weiterarbeiten und alles dann direkt in den Druck-Workflow übergeben kann.“
Q: Was sind Ihre Lieblingsfunktionen von DentalCAD?
A: Ganz klar die Option zum Kopieren von Prothesen. Wenn ein zahnloser Patient sagt, er möchte noch einmal genau dieselbe Prothese, dann meint er wirklich genau dieselbe, inklusive des Abnutzungsmusters. Die Patienten achten auf winzige Details. Für uns Zahntechniker sind das vielleicht Kleinigkeiten, aber sie merken jeden Unterschied sofort. Ich bin immer noch begeistert, dass ich in der Praxis scannen, in DentalCAD weiterarbeiten und alles dann direkt in den Druck-Workflow übergeben kann.
Q: Wann wurde Ihnen klar, dass digitale Workflows die Zukunft sind?
A: In der Zahntechnik arbeiten wir in den Bereichen Implantate, Abutments und Zirkon-Zahnersatz schon seit langer Zeit digital. Digitale Prothetik hat länger gedauert, weil Materialien und Geräte teuer waren und Outsourcing für mein kleines Labor schwierig war. In den letzten zwei bis drei Jahren hat sich das komplett verändert: Geräte sind erschwinglicher und Outsourcing ist einfacher. Wir haben inzwischen eine eigene Fräsmaschine und mehrere 3D-Drucker.
Vor drei Jahren habe ich Zähne noch in Wachs aufgestellt, Stützstiftregistrierungen manuell durchgeführt und alles von Hand artikuliert. Heute arbeiten wir komplett ohne Wachs. Das spart enorm viel Zeit und die Ergebnisse sind besser vorhersehbar und reproduzierbar. Wenn man einen schlechten Tag an der Werkbank hat, gehen Dinge gerne mal schief. Auf dem Bildschirm erhält man immer noch das gleiche Okklusionsschema. Der Prozess ist einfach viel weniger fehleranfällig.
Q: Sie haben ausgiebig mit dem Ivoclar BPS (Biofunctional Prosthetic System) gearbeitet. Wie hat die Digitalisierung diesen Workflow verändert?
A: Der klinische BPS-Prozess ist anspruchsvoll. Wenn man ihn nicht vollständig versteht, passieren Fehler. Früher war die Übertragung eines Gesichtsbogens sehr aufwändig und zeitintensiv. Mit UTS CAD ist das anders: Anstatt eine vollständige Gesichtsbogenaufnahme zu machen, zeichnen wir zwei Zahlen auf und senden sie an die Software, wo sie zu Designdaten werden. Der Prozess ist reibungsloser, schneller und vorhersehbarer und liefert dennoch das gleiche hochästhetische, hochfunktionelle BPS-Ergebnis.
Q: Wie unterstützt DentalCAD bei der Aufstellung und beim Design?
A: Die vordefinierten Zahnaufstellungen sind eine enorme Hilfe. Meine bevorzugten Formen sind Ivotion B72 und S72, und immer lingualisierte Seitenzähne. Der optionale Zahnformbericht kann mit Zahnärzten geteilt werden und ist besonders bei Teilprothesen wertvoll, bei denen eine spätere Überarbeitung notwendig werden könnte. Früher haben wir Modelle markiert, Linien aufgezeichnet und alles manuell aufgestellt. Heute generiert die Software basierend auf den BPS-Prinzipien eine Aufstellung aus unseren Scans, in der die Zähne einfach an die richtige Position gesetzt werden. Natürlich nehmen wir weiterhin manuelle Optimierungen vor, aber der Ausgangspunkt kommt dem finalen Ergebnis schon sehr nahe. Dieser Workflow lässt sich auch Anderen sehr leicht beibringen.
Ich greife bis heute regelmäßig auf das Buch „BPS Step by Step“ von Joseph Ratonyi zurück. Es ist komplett analog, aber die Grundprinzipien gelten weiterhin, auch wenn wir sie in DentalCAD digital anwenden.
„Zahntechniker, die Kronen und Brücken designen, verfügen bereits über die ästhetischen Fähigkeiten. Digitale Workflows machen es leicht, dieses Wissen auf herausnehmbare Prothesen zu übertragen. Der Bedarf ist groß und wir brauchen diese Zahntechniker dringend.“
Q: Sie werden bei Insights 2026 in Mallorca einen Vortrag halten, den Sie „Digitalisierung von Prothesen: ein Weckruf für Zahntechniker“ genannt haben. Was ist die Kernaussage?
A: Ich habe selbst mit dem Design von Kronen und Brücken begonnen. Als ich dann in die Prothetik wechselte, dachten viele, ich sei verrückt. Herausnehmbare Prothesen galten lange als viel weniger anspruchsvoll. Aber die Patienten legen auch hier großen Wert auf Ästhetik: Zahnform, Linienführung, Konturen. Sie wollen keine flachen, künstlich wirkenden Zähne. Zahntechniker, die Kronen und Brücken designen, verfügen bereits über die ästhetischen Fähigkeiten. Digitale Workflows machen es leicht, dieses Wissen auf herausnehmbare Prothesen zu übertragen. Der Bedarf ist groß und wir brauchen diese Zahntechniker dringend.
Auch die Materialien haben sich weiterentwickelt. Vieles ähnelt inzwischen der Keramik, sodass wir Prothesenzähne durchaus fräsen und schichten können, um ihnen Charakter zu verleihen. Es ist dieselbe Aufmerksamkeit und Liebe zum Detail erforderlich.
Für analog arbeitende Prothesentechniker kann sich die Digitalisierung bedrohlich anfühlen, wie ein Sprung ins kalte Wasser. Hier ist Benutzerfreundlichkeit und die richtige Nutzerführung der Schlüssel, und genau das bietet die exocad Software: integrierte Wizards führen Schritt für Schritt durch den Prozess.
Digitale Workflows schaffen vor allem Zeit. Weniger Gipsarbeiten, weniger sich wiederholende Arbeitsschritte an der Werkbank – dafür mehr Feinarbeit, Charakteristik und Ästhetik. Mit digitalen Methoden werden Zahntechniker nicht überflüssig, wir können einfach nur mehr von dem machen, was wir an unserem Job am meisten lieben.
Q: Nutzen Sie bereits die neuesten Features von DentalCAD 3.3 Chemnitz,wie Split-Prothesen?
A: Ja. Früher habe ich für das Teilen von großen Fällen externe Software genutzt, mit langer Lernkurve. Die Split-Prothesen-Funktion in DentalCAD ist deutlich intuitiver. Wir nutzen sie nicht nur für die finale Prothese, sondern auch für Anproben. Wir machen eine Split-Prothese, fügen einen Aluminium-Verifikationsschlüssel hinzu und schlagen so zwei Fliegen mit einer Klappe. Intraorale Einschleifarbeiten oder Bohrungen im Mund entfallen, was für Patienten natürlich deutlich angenehmer ist. Ich experimentiere auch mit der Teilung von Prothesen und dem Hinzufügen von Attachments für festsitzend-herausnehmbaren Zahnersatz. Es gibt so viele Funktionen, dass ich gar nicht hinterherkomme, alles auszuprobieren.
„Wenn eine Anprobe mit einer kleinen Änderung zurückkommt, z. B. einer Mittellinienverschiebung, ist das für ein analoges Labor mindestens eine Stunde Arbeit. In DentalCAD brauchen wir dafür nur wenige Minuten.“
Q: Welchen Rat geben Sie Dentallaboren, die noch vollständig analog arbeiten?
A: Starten Sie mit 3D-Druckern. Sie können Modelle, Bissblöcke und Abformlöffel drucken und so schon eine Menge Zeit sparen. Den eigentlichen Unterschied macht aber das Design. Wenn eine Anprobe mit einer kleinen Änderung zurückkommt, z. B. einer Mittellinienverschiebung, ist das für ein analoges Labor mindestens eine Stunde Arbeit. In DentalCAD brauchen wir dafür nur wenige Minuten. Diese Effizienz erhöht die Produktion und verbessert den Profit. Veränderungen machen Angst, aber sie können ein Dentallabor komplett transformieren.
Q: Sie sind auch als Ausbilderin und Mentorin aktiv. Was motiviert Sie?
A: Früher war der Wissensaustausch begrenzt. Man war auf Bücher und Kurse angewiesen, Kollegen waren oft sehr verschlossen. Heute können wir Fehler, Lösungen, Techniken und Workflows direkt teilen. Das hilft jungen Zahntechnikern dabei, sich schneller weiterzuentwickeln, ohne die gleichen Fehler zu wiederholen. Ich möchte auch mehr Frauen dazu ermutigen, selbstbewusst zu sein, ihr Wissen offen weiterzugeben und ihre Meinung zu sagen, wenn sie eine bessere Lösung für eine Sache sehen.
Q: Was begeistert Sie nach drei Jahrzehnten immer noch an der Zahntechnik?
A: Die Menschen. Es gibt immer frustrierende Tage, an denen etwas schief läuft. Aber dann sieht man jemanden, der etwas Inspirierendes macht, egal ob er neu in der Branche oder schon seit Jahren dabei ist. Die Innovationskraft und der Austausch zwischen Zahnärzten und Zahntechnikern, auch über Gruppen wie Nightshift, motivieren mich sehr. Man lernt immer dazu, entwickelt sich immer weiter und es gibt immer etwas Neues, in das man sich vertiefen kann.
Q: Kurze Fragen zum Abschluss: Haben Sie einen Lieblingszahn?
A: Der Eckzahn. Er ist sehr stabil und hält meistens am längsten.
Q: Der beste Rat, den Sie je erhalten haben?
A: Umgeben Sie sich mit Menschen, die mehr wissen als Sie, und die dieselben Werte und Moralvorstellungen haben.
Q: exocad in einem Wort?
A: Liebe.
Caroline Kirkpatrick ist eine klinische Zahntechnikerin mit mehr als 30 Jahren Erfahrung. Sie hat den Wechsel von analogen zu digitalen Workflows bei Fällen mit Keramik-, Prothetik- und implantatgetragenen Versorgungen erfolgreich vollzogen. Mit dem von ihr gegründeten Dentallabor OTS Dental Laboratory gehört sie zu den Vorreitern der digitalen Voll- und Teilprothetik, wobei sie traditionelle Prinzipien mit modernen CAD-Workflows kombiniert.
Durch ihre Arbeit am Patienten kann Caroline Kirkpatrick Materialien und digitale Workflows unmittelbar im klinischen Umfeld testen und optimieren und somit sicherstellen, dass Erwartungen auch wirklich den Ergebnissen entsprechen. Als Nightshift-Botschafterin und Ausbilderin teilt sie ihre Erkenntnisse in Vorträgen und praktischen Workshops und setzt sich für offenen Wissensaustausch über den digitalen Wandel in der Zahntechnik ein. Sie möchte insbesondere Zahntechniker, die Kronen und Brücken designen, ermutigen, das volle Potenzial von herausnehmbarer Prothesen im digitalen Zeitalter zu erkennen – nicht als Abkehr von traditionellen Fähigkeiten, sondern als deren natürliche Weiterentwicklung.
Für analog arbeitende Zahntechniker, die den Sprung in die digitale Welt wagen wollen, hat Caroline Kirkpatrick eine einfache Botschaft: Es gelten weiterhin die bekannten Grundlagen. Mit der richtigen Anleitung und intuitiven Plattformen wie exocad erweitern und unterstützen digitale Workflows vielmehr analoge Prozesse: Sie sparen Zeit, reduzieren Wiederholungen und ermöglichen es den Zahntechnikern, sich auf die Feinarbeit, die Details und die Handwerkskunst zu konzentrieren, die außergewöhnliche Prothetik ausmachen.

von Caitlan Reeg
Texterin bei exocad
Caitlan Reeg verbringt ihre Tage damit, der Welt von den Innovationen erzählen, die ihre Kollegen entwickeln. Gesundheitsthemen, Technologien und die Art und Weise, wie diese beiden Bereiche ineinandergreifen, um unser Leben zu verbessern, begeistern sie. Früher hat Caitlan als Journalistin bei Dow Jones Newswires in Frankfurt und beim nationalen öffentlichen Radiosender Marketplace in Los Angeles gearbeitet.